Wir haben Anja Förster getroffen und mit ihr ein Interview zum Thema "digitale Transformation" und "disruptiven Entwicklungssprüngen" geführt.Anja Förster ist Spiegel-Bestsellerautorin, Gründerin der Initiative Rebels at Work und seit über einem Jahrzehnt eine feste Größe unter den Rednern in Europa.

Wenn Sie auf die deutschen Industrieunternehmen schauen - warum dauert es aus Ihrer Sicht so lange, bis diese auf einen "Trend" wie zum Beispiel Digitalisierung reagieren? Welchen Einfluss hat diese Trägheit auf die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrieunternehmen?

Das ist ja nicht pauschal so, dass alle mit großer Verspätung auf die Digitalisierung reagieren würden. Ich erlebe dort draußen drei große Gruppen. Die ersten sind mittendrin, komplett neue Geschäftsmodelle für die digitalen Märkte zu entwickeln und zu testen. Sie haben den disruptiven Charakter des Entwicklungssprungs verstanden, den wir gerade erleben.

Anja Förster
Zur Person

ANJA FÖRSTER ist Spiegel-Bestsellerautorin, Gründerin der Initiative Rebels at Workund seit über einem Jahrzehnt eine feste Größe unter den Rednern in Europa.

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Was genau meinen Sie mit dem disruptiven Entwicklungssprung?

Es bedeutet, dass sich Geschäftsfelder plötzlich und radikal verändern. Wer im Geschäft bleiben will, muss komplett anders arbeiten als bisher, denn die digitale Transformation ist weniger eine Frage der Technologie, sie ist eine Frage der Führung. Nicht nur Prozessabläufe oder die Art und Weise der Produktentwicklung ändern sich grundlegend, sondern komplette Lern- und Veränderungsregeln der Organisation müssen an die neue Realität angepasst werden. Die Unternehmenskultur wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor und das hat man in diesen Unternehmen verstanden.

Es geht vor allem um Innovation, und das machen wir doch schon seit Jahren.

Okay, das gibt Anlass zur Hoffnung. Aber was ist mit den anderen beiden Gruppen?

Dann gibt es noch diejenigen, von denen ich höre: Ach, kommt, nerv uns nicht mit diesem Disruptionszeug. Es geht vor allem um Innovation, und das machen wir doch schon seit Jahren. Und dann begegnet mir immer mal wieder ein dritter Typus von Unternehmern und Führungskräften. Man weiß nicht so genau, was da überhaupt passiert und will es vielleicht auch gar nicht so genau wissen. Man liest mal ein Buch über digitale Player und besucht die eine oder andere Konferenz, allerdings reduziert sich der Erkenntnisgewinn auf die Feststellung, dass das alles ganz interessant war. Und dann wird auf das Ausführlichste erklärt, warum das aber im eigenen Unternehmen nicht umsetzbar sei.

Ziemlich alarmierende Haltung, oder?

Absolut, das ist sehr problematisch. Was mich daran am meisten erschreckt, ist die analgoe Selbstzufriedenheit, die mir begegnet. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, die Maschinen laufen, die Nachfrage ist da. Und mit kontinuierlicher, intelligenter Optimierung und Modernisierung kommen die Unternehmen ziemlich weit. Allerdings sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Gegenwart ihr Verfallsdatum bereits überschritten hat. Die Digitalisierung stellt die Märkte radikal und mit rasender Geschwindigkeit auf den Kopf, ob uns das nun in den Kram passt oder nicht.

Was würden Sie den Nachzüglern raten?

Digitale Transformation gelingt nicht mit Aktionismus oder Schnellschuss-Strategien. Sie setzt vielmehr bei der eigenen Denkhaltung an, die auf Offenheit, Agilität und Anpassungsfähigkeit baut und sehr achtsam die Veränderungen in der Welt wahrnimmt und nicht zurechtvernünftelt oder beschwichtigt. Denn immer dann, wenn die Veränderungsgeschwindigkeit im Innern des Unternehmens geringer ist als draußen im Markt, wird es fatal. Das heißt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Heute sich ins Gestern verwandelt hat und diese Unternehmen weg vom Fenster sind. Noch gibt es die Gelegenheit, die Ärmel hochzukrempeln und mutig Neues auszuprobieren. Aber das Zeitfenster schließt sich gerade.

Digitale Transformation gelingt nicht mit Aktionismus oder Schnellschuss-Strategien.

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